Aktuelles zum Thema "Atomenergie und Gesundheit"

Ukraine

Tschernobyl

Super-GAU in einem Atomkraftwerk

02.05.2011 Die Kernschmelze von Tschernobyl im April 1986 stellt den mit Abstand größten Unfall in der Geschichte der zivilen Atomwirtschaft dar. Ganze Landstriche wurden verseucht und für Generationen unbewohnbar gemacht. Der radioaktive Niederschlag führte zu Zehntausenden von Krebserkrankungen, Todesfällen, Fehlgeburten und Missbildungen – nicht nur in der ehemaligen Sowjetunion.

Der Katastrophen-Reaktor Nr. 4. Am 26. April 1986 wurde das 1.000 Tonnen schwere Dach durch die gewaltige Explosion angehoben, und das grafithaltige Inventar fing Feuer. Eine Wolke mit radioaktivem Rauch zog über weite Teile Ost- und Mitteleuropas. Foto: The Bellona Foundation / creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0Hintergrund

Der erste Atomreaktor wurde in Tschernobyl zwischen 1971 und 1977 gebaut. Bis 1983 wurde die Kraftwerksanlage um drei weitere Reaktoren erweitert. Im benachbarten Städtchen Pripjat lebten die rund 18.000 Bewohner fast alle von Jobs in der Atomindustrie. Der Super-GAU von Tschernobyl begann während eines Systemtests am Samstag den 26. April 1986. Eine plötzliche Leistungssteigerung des Reaktors machte eine Schnellabschaltung notwendig. Diese führte allerdings zur Erreichung einer überkritischen Masse und so zum Beginn einer atomaren Kettenreaktion innerhalb des Reaktors. Das 1.000 Tonnen schwere Dach wurde durch die Wucht der gewaltigen Explosion angehoben, und das grafithaltige Inventar fing Feuer. Eine Wolke mit radioaktivem Rauch zog über weite Teile Ost- und Mitteleuropas und überzog ganze Landstriche mit radioaktivem Niederschlag. Vor allem nördlich des Kraftwerks, in Teilen Weißrusslands, gingen große Mengen Radioaktivität nieder, aber auch Teile Skandinaviens, Kleinasiens oder beispielsweise der Bayerische Wald wurden mit radioaktivem Jod-131 oder Cäsium-137 überzogen. Der Super-GAU wurde tagelang vor der Bevölkerung geheim gehalten. Evakuierungsund Schutzmaßnahmen wurden somit stark verzögert.

Folgen für Umwelt und Gesundheit

Die ersten Opfer der Atomkatastrophe waren die rund 800.000 Liquidatoren, meist junge Rekruten der Roten Armee, die aus der ganzen Sowjetunion nach Tschernobyl gebracht wurden, um die Katastrophe unter Kontrolle zu bringen. Mit bloßen Händen mussten sie strahlenden Schutt über das Gelände tragen und einen gigantischen Sarkophag über dem havarierten Reaktorblock errichten. Schätzungsweise 14 bis 15 % von ihnen waren 2005, also 19 Jahre nach dem Unglück, bereits verstorben; mehr als 90 % von ihnen sind erkrankt, viele vermutlich aufgrund ihrer hohen Strahlenexposition.

Die Explosionen und das wochenlange Feuer im Reaktorkern führten zur Freisetzung von radioaktiven Partikeln. Über Atemluft, Nahrung oder Wasser aufgenommen, setzen sich diese Stoffe im menschlichen Körper ab, verstrahlen das umliegende Gewebe und führen zu Zellschäden, Mutationen und zur Entstehung von Krebs. Drei Radioisotope spielen dabei eine besonders wichtige Rolle: Jod-131 führt vor allem zu Schilddrüsenkrebs, Cäsium-137 zur Entstehung solider Tumoren und Strontium-90 löst vor allem Leukämie und Knochenkrebs aus. Die gesundheitlichen Folgen beschränken sich nicht nur auf die hoch kontaminierten Gegenden der ehemaligen Sowjetunion, sondern betreffen alle Orte, in denen radioaktiver Niederschlag auftrat – also auch große Teile von Nord-, Mittel- und Südosteuropa. Eine Studie des International Journal of Cancer kam zu dem Ergebnis, dass in Europa bis zum Jahr 2065 etwa 41.000 zusätzliche Krebsfälle und mehr als 15.000 Krebstode durch Tschernobyl zu erwarten sind. Auch wenn die Zahlen im Vergleich zur betroffenen Gesamtbevölkerung relativ niedrig erscheinen mögen, muss betont werden, dass die Erkrankungen für die betroffenen Familien selbstverständlich schwere Schicksalsschläge darstellen und vor allem bei menschenverursachten Katastrophen, wie dieser jeder Krankheitsfall einer zu viel ist. Zudem konnten in den betroffenen Gebieten, auch in Deutschland, infolge des radioaktiven Niederschlags ein Anstieg von Totgeburten, Missbildungen, Down Syndrom, Diabetes und kardiovaskulären Erkrankungen nachgewiesen werden. Die psychologischen Folgen, sowie die sozialen und ökologischen Effekte der Katastrophe dürfen ebenfalls nicht vergessen werden.

Ausblick

1986 wurde ein temporärer Sarkophag um den havarierten Reaktor gebaut, der jedoch mittlerweile zerfällt. Um die geschätzten 180 Tonnen hoch radioaktiven Müll zu schützen, die sich weiterhin innerhalb des Reaktors befinden, gab die ukrainische Regierung einen neuen Sarkophag in Auftrag. Die Kosten werden auf über 1,5 Milliarden US-Dollar beziffert. Die endgültige gesundheitliche Bilanz der Tschernobylkatastrophe wird sich wohl nie exakt ermitteln lassen. Genomische Instabilität kann noch mehrere Generationen später zu Folgeschäden bei den Nachkommen der Betroffenen führen. Tschernobyl ist mehr als nur ein einmaliger Unfall – Tag für Tag und Jahr für Jahr werden Menschen an den Strahlenfolgen erkranken und sterben. Das genaue Ausmaß der strahlenassoziierten Erkrankungen, Fehlbildungen und genetischen Folgen wird vermutlich nie erfasst werden. Die sowjetische Regierung, die Atomindustrie und Lobbyverbände wie die Internationale Atomenergie Organisation IAEO haben in einem Versuch, die Akte Tschernobyl zu schließen, kritische Publikationen erfolgreich verhindern können und die Leiden der Liquidatoren zynischerweise zu Folgen schlechter Lebensbedingungen erklärt. Dabei werden die Auswirkungen dieser Katastrophe viele Tausende Familien noch lange begleiten – auch sie sind Hibakusha. Die Akte Tschernobyl darf nicht geschlossen werden.

Weiterführende Lektüre

Die Studie der IPPNW und der Gesellschaft für Strahlenschutz: „Gesundheitliche Folgen von Tschernobyl – 25 Jahre nach der Reaktorkatastrophe“ vom April 2011: issuu.com/ippnw/docs/ippnw-tschernobyl-studie-2011

Im vierseitigen Faltblatt IPPNW-aktuell „Das gesundheitliche Erbe von Tschernobyl“ werden die gesundheitlichen Schäden durch radioaktive Strahlung vom Super-GAU in Tschernobyl beschrieben: http://kurzlink.de/tschernobylerbe

Quellen

26.04.2011 Die Ärzteorganisation IPPNW geht von mehreren hunderttausend Krebserkrankungsfällen als Folge der Katastrophe im Atomkraftwerk Tschernobyl aus.

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IPPNW-Presseinformation 21.4.2011

Radioaktivität macht Kinder krank

Erhöhung der Strahlengrenzwerte für japanische Kinder

21.04.2011 Die Ärzteorganisation IPPNW ist besorgt über die Erhöhung der Strahlengrenzwerte für Kinder durch das japanische Erziehungsministerium. Kinder sind um ein Vielfaches strahlensensibler als Erwachsene. Ihre Zellen teilen sich häufiger und ihr Zellreparaturmechanismus ist noch nicht ausgereift. Ein Kind, das wächst, muss im Gegensatz zu einem Erwachsenen mehr Stoffe aufnehmen. Sein Organismus nimmt daher radioaktive Substanzen in Essen, Trinken und Atemluft begierig auf. „Kinder brauchen strengere Strahlenschutzgrenzwerte als Erwachsene und erst recht als Arbeiter in Atomkraftwerken“, erklärt Vorstandsmitglied Reinhold Thiel.

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IPPNW-Presseinformation 19. April 2011

Verteilung von Jodtabletten im atomaren Katastrophenfall

Brief an Umweltminister Norbert Röttgen

19.04.2011 Die IPPNW verlangt schon seit Jahren für den atomaren Katastrophenfall die Vorverteilung von hochdosierten Jodtabletten in jeden Haushalt. In einem Brief an Umweltminister Röttgen hat die Ärzteorganisation diese Forderung heute noch einmal bekräftigt. Angesichts der verheerenden Katastrophe in Fukushima bestünde bei vielen Patienten Informationsbedarf, wie die Katastrophenschutzpläne im Falle eines atomaren Unfalls in Deutschland aussehen. Die Ärzte sorgen sich, dass die eingelagerten Jodtabletten im Katastrophenfall nicht rechtzeitig zu den betroffenen Menschen kommen. 

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IPPNW-Presseinformation vom 12.4.2011

IPPNW warnt vor der "Vermischung" von Lebensmitteln

Fukushima-Betreiber rechnet mit größeren radioaktiven Freisetzungen als in Tschernobyl

12.04.2011 Der japanische Atomkonzern Tepco rechnet damit, dass die in Fukushima austretende Strahlenmenge die von Tschernobyl übertreffen könnte. Das liegt nach Einschätzung der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW daran, dass laut Tepco in den Reaktorblöcken 1 bis 3 die Brennstäbe zu 25 bis 70 Prozent beschädigt sein sollen. Sie sind in allen drei Blöcken teilweise oder gänzlich nicht von Kühlwasser bedeckt.

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