Als die Internationalen Ärzt*innen zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) 1985 den Friedensnobelpreis erhielten, hatte das atomare Wettrüsten seinen Höhepunkt erreicht. Der Generalsekretär der UN, Pérez de Cuéllar, hatte alle Regierungen aufgefordert, den „Wahnsinn“ und die „Immoralität“ des Rüstungswettlaufs zu beenden. Stattdessen waren die Regierungen der USA und der Sowjetunion bis zu diesem Moment noch bestrebt, die Menschen an das Risiko eines Atomkrieges zu gewöhnen, weil die sogenannte atomare Abschreckungsstrategie ja die Bereitschaft voraussetzte, mit der Bedrohung gegebenenfalls Ernst zu machen.
Die IPPNW war erst fünf Jahre alt, als sie den Friedensnobelpreis erhielt. Die Herzspezialisten Bernard Lown aus den Vereinigten Staaten und Jewgeni Tschasow aus der Sowjetunion hatten sich in den 1960er-Jahren kennengelernt und waren beide besorgt über die medizinischen Aspekte eines Atomkrieges. Obwohl sie während des Kalten Krieges zu gegnerischen Lagern gehörten, einigten sie sich darauf, eine internationale Organisation für Ärzte zu gründen, die sich gegen das nukleare Wettrüsten einsetzen sollte. Die IPPNW erklärte: Wir Mediziner kennen keine Prioritäten in der Hilfeleistung nach nationalen oder weltanschaulichen Zugehörigkeiten. Aber in einem Atomkrieg wären überlebende Ärzte ohnehin praktisch machtlos. Also ist Vorbeugung die einzige wirksame Hilfe!
Die IPPNW hielt jährliche Kongresse ab, um die Welt über die Folgen eines Atomkrieges aufzuklären. Umfangreiche nukleare Explosionen könnten verhindern, dass Sonnenlicht die Erde erreicht. Der daraus resultierende Temperaturabfall würde einen „nuklearen Winter” verursachen. Die Organisation empfahl ein Atomtestverbot und forderte, dass die Großmächte in Konfliktsituationen vom Ersteinsatz Abstand nehmen sollten.
Im Oktober 1985 verkündete das Nobelpreiskomitee, dass der IPPNW der Friedensnobelpreis zugesprochen wird. Die Auszeichnung gab der Bewegung weltweit neuen Aufschwung; sie wuchs in einigen Monaten um mehrere Zehntausend auf über 150.000 Ärzt*innen in mehr als 50 Nationen.
Pressemitteilung des Nobelpreiskomitees
vom 5. Oktober 1985
„Das norwegische Nobelkomitee hat beschlossen, den Friedensnobelpreis für 1985 an die Organisation ‚Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges‘ zu verleihen.
Es ist die Überzeugung des Komitees, dass diese Organisation durch das Verbreiten verlässlicher Informationen und durch die Erzeugung eines Bewusstseins für die katastrophalen Konsequenzen atomarer Kriegsführung einen bedeutenden Dienst an der Menschheit geleistet hat.
Das Komitee glaubt, dass dies wiederum zu einem gewachsenen Druck öffentlicher Opposition gegen die Weiterverbreitung von Atomwaffen und zu einer Neudefinition der Prioritäten mit einer größeren Aufmerksamkeit für gesundheitliche und humanitäre Anliegen geführt hat.
Ein solches Erwachen öffentlicher Aufmerksamkeit, wie es augenblicklich im Osten und im Westen, im Norden und im Süden ersichtlich ist, kann den gegenwärtigen Rüstungskontrollverhandlungen eine neue Perspektive und eine neue Bedeutung geben.
In diesem Zusammenhang legt das Komitee besondere Bedeutung auf den Umstand, dass die Gründung der Organisation das Ergebnis einer gemeinsamen Initiative von sowjetischen und amerikanischen Ärzten war und dass sie sich jetzt auf die Unterstützung von Ärzten aus über 40 Ländern aus aller Welt stützen kann.
Das Komitee beabsichtigt, die beiden Gründer der Organisation, die beide den Titel ihres Präsidenten tragen – Professor Bernard Lown aus den USA und Professor Evgeni Tschasow aus der Sowjetunion – einzuladen, den Friedenspreis für ihre Organisation anzunehmen.“
Die Verleihung
Am 10. Dezember 1985 fand die Friedensnobelpreisverleihung an die IPPNW in Oslo statt. Die Auszeichnung nahmen die Gründer und Ko-Präsidenten der IPPNW, Prof. Dr. Bernard Lown aus den USA und Prof. Dr. Jewgeni Tschasow aus der Sowjetunion entgegen.
Aus der Rede des Vorsitzenden des Norwegischen Nobelkomites Egil Aarvik: „Menschen aller Länder, die ihr überleben wollt, vereinigt Euch!“:
„In Übereinstimmung dem aus alten Zeiten stammenden hippokratischen Eid, der kompromisslosen Einsatz zum Schutz von Leben und Gesundheit fordert, hat diese Organisation die Gefahren für Leben und Gesundheit aufgezeigt, die die Atomwaffen mit sich bringen, anhand von Beweismaterial auf dem Gebiet der Medizin. Diese Ärzte haben uns erklärt, was geschehen würde, wenn diese Waffen zum Einsatz kämen. Wir wissen jetzt vom ‚nuklearen Winter‘ mit seiner Zerstörung der Biosphäre und aller für das Leben notwendigen Bedingungen. Die Ärzte haben auch klar gemacht, dass es keinen Ausweg gibt und dass keinen wirksamen Schutz gegen eine solche atomare Katastrophe. Zivilschutz und medizinische Versorgung würden unweigerlich zusammenbrechen. Es wäre unmöglich, den Verletzten und Sterbenden zu helfen, und die Überlebenden wären den mörderischen Langzeitfolgen ausgesetzt.
Ein weiterer Aspekt ist, dass die Mittel, die heute für die Entwicklung neuer Waffen ausgegeben werden, verwendet werden könnten, um den Millionen von Menschen zu helfen, die durch Hunger und mangelnde medizinische Versorgung sterben. Was könnte dem Geist des hippokratischen Eides besser entsprechen als dieses Engagement für neue Prioritäten beim Einsatz verfügbarer Mittel – von militärischen Zwecken hin zu Gesundheit und anderen Entwicklungsfragen?
Auch auf diesem Gebiet haben die Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges informative und überzeugende Dokumentationen vorgelegt.
Das Norwegische Nobelkomitee ist der Ansicht, dass die Organisation einen wesentlichen Beitrag zur Aktivierung des allgemeinen Widerstands gegen die nukleare Aufrüstung geleistet hat und somit eine Bewußtwerdung unterstützt, die sich jetzt überall in der Welt entwickelt. (…)
Es ist klar, dass ein solcher öffentlicher Widerstand, wenn er wirklichen Wert haben soll als Frieden fördernde Kraft, unabhängig von ideologischen Systemen, politischen Meinungen oder geografischen Unterteilungen aufgebaut werden muss. Er muss weltumfassend sein. Auszugehen ist von der simplen Tatsache, dass angesichts der Drohung eines Atomkrieges die gesamte Weltbevölkerung im gleichen Boot sitzt.“
Aus der Nobelpreisvorlesung von Jewgeni Tschasow (11.12.1985): „Tragedy and Triumph of Reason“: „Es war notwendig, die Gleichgültigen aufzurütteln und sie zu aktiven Gegnern von Atomwaffen zu machen. Das war nicht nur unsere Pflicht als ehrliche Männer, sondern unsere berufliche Pflicht. Wie Hippokrates sagte: Der Arzt muss den Patienten über alles aufklären, was sein Leben bedroht.“
Aus der Nobelpreisvorlesung von Bernard Lown (11.12.1985): „A Prescription for Hope“: „Letztendlich müssen die Menschen unserer Ansicht nach akzeptieren, dass der Kampf nicht zwischen unterschiedlichen nationalen Schicksalen oder gegensätzlichen Ideologien stattfindet, sondern eher zwischen Katastrophe und Überleben. Alle Nationen teilen ein gemeinsames Schicksal; Atomwaffen sind ihr gemeinsamer Feind.“
Lebensrettung bei der Verleihung
Auf der Pressekonferenz zur Friedensnobelpreisverleihung fiel plötzlich ein Fernsehkorrespondent zu Boden. Er erlitt einem Herzinfarkt und die anwesenden US-amerikanischen und sowjetischen IPPNW-Ärzte arbeiteten zusammen, um sein Leben zu retten. Nachdem er auf dem Weg zum Krankenhaus war, ohne dass die Ärzte wussten, ob er überleben würde, ging das Treffen weiter. Bernard Lown, sichtlich gerührt, aber mit schneller Reaktion, fand die passenden Worte und zog einen Vergleich zwischen dem Geschehenen und der Situation der IPPNW: Konfrontiert mit der Bedrohung des Todes, arbeiten sowjetische und US-amerikanische Ärzte zusammen, um das Leben eines Menschen zu retten, ohne nach seiner Herkunft, seiner politischen Überzeugung oder seinem Glauben zu fragen. So arbeiten die IPPNW-Ärzt*innen auch, um die Menschheit vor ihrer Ausrottung zu bewahren.
Der Fernsehkorrespondent überlebte aufgrund der schnellen Behandlung. Er sagte danach, dass er viel Glück gehabt hätte, in einem Raum voller Kardiologen gewesen zu sein, als er den Herzinfarkt hatte.
Dieser dramatische Zwischenfall wurde im Fernsehen übertragen und die nachfolgenden Medienberichte waren sehr positiv.
Wirbel um die Friedensnobelpreisverleihung an die IPPNW
Die Rede des Vorsitzenden des Norwegischen Nobelkomitees, Egil Aarvik, anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises enthielt viele lobende Worte über die Ärzteorganisation und ihre Arbeit. Dennoch waren nicht alle begeistert von der Verleihung. Besonders in der deutschen Regierung war die Empörung groß, dass eine Organisation so geehrt wurde, die einigen Augen „Moskau-gesteuert“ war. Horst-Eberhard Richter (IPPNW) beschrieb es so „In der Bundesrepublik war der Teufel los. Kohl fluchte. Heiner Geißler waltete seines Amtes als Exorzist: Eine Schande sei es, dass die Wahl diese fragwürdige Ärzteorganisation getroffen habe. Dies sei ‚eine Verwirrung der Begriffe und eine Desorientierung der Werte‘. Die IPPNW-Ärzt*innen und ihre Preisverleiher seien gemeinsam Weltverschwörer gegen das christliche Abendland. Damit noch nicht genug. Den nächsten Friedensnobelpreis müssten die Bundeswehr und die NATO verliehen bekommen.“
Bernard Lown beschrieb die Stimmung so: „In einer von Konfrontation und Streit zerrütteten Welt war die IPPNW in kaum vier Jahren zum Vorbild für die Zusammenarbeit zwischen Ärztinnen und Ärzten aus Ost und West, Nord und Süd geworden. Die westlichen Medien jedoch – von ein paar rühmlichen Ausnahmen abgesehen – überboten sich gegenseitig in Denunziationen des Nobelkomitees und seiner Wahl. ‚Soviet Propaganda wins the Prize‘ (sowjetische Propaganda gewinnt den Preis), erklärte die ‚New York Daily News‘, ‚Nobel Peace Fraud‘ (Nobelfriedens-Schwindel) zischte das ‚Wall Street Journal‘ und die ‚Toronto Globe and Mail‘ leitartikelte über ‚Peace with a Bias‘ (Friede mit Schlagseite). Diese Denunziationen hingen aufs engste mit den Anschuldigungen zusammen, die IPPNW hätte sowjetische Verstöße gegen die Menschenrechte einfach ignoriert.“
Die Kritik hing sich u. a. daran auf, dass Jewgeni Tschasow zwölf Jahre vor der Verleihung an die IPPNW einen offenen Brief zusammen mit 25 Kolleg*innen unterzeichnete, in dem es hieß, „wir sowjetischen Mediziner fühlen uns beleidigt durch das Verhalten des Akademie-Mitglieds Andrei Dmitrijewitsch Sacharov.“ Sacharov, der Vater der sowjetischen Wasserstoff-Bombe, wurde 1980 wegen seiner kritischen Äußerungen gegenüber dem sowjetischen Regime ins Zwangsexil verbannt. Allerdings schloss sich Tschasow weder im Jahr 1975 einem zweiten Brief von 72 Wissenschaftlern an noch Erklärungen von 1980 und 1982, in denen Sacharov ebenfalls attackiert wurde.
Eine Anekdote aus Aachen
Wir haben Mitglieder gefragt, wie sie sich an die Zeit um den Nobelpreis erinnern.
Im Herbst 1985 begrüßte Bürgermeister Dr. Jürgen Linden die Aachener Ärzte und Ärztinnen der IPPNW im Rathaus, um den Friedensnobelpreis und ihre Aktivitäten für den Frieden zu würdigen. Dr. Odette Klepper äußerte die Hoffnung auf Nachahmer der Friedensideen und Aufklärungsarbeit über die Folgen eines Atomkrieges in anderen Gesellschaftsgruppen. Dr. Wilfried Duisberg merkte an, dass es bemerkenswert wäre, dass erst der Friedensnobelpreis verliehen werden musste, um diese Einladung zu ermöglichen.
Dr. Odette Klepper berichtete auch über eine Veranstaltung im Herbst 1986 mit dem damaligen CDU-Generalsekretär Heiner Geißler und dem damaligen Bundesärztekammerpräsidenten Karsten Vilmar:
„Die Journalistin Carmen Thomas moderierte seinerzeit die populäre WDR Rundfunksendung ‚Hallo Ü-Wagen‘ . Sie platzierte ihren Übertragungswagen vor meiner Praxis und lud zu einer Podiumsdiskussion zum Thema atomare Rüstungsspirale und ärztliche Aufklärungsarbeit. Von unserer Seite nahmen teil: Horst-Eberhard Richter, Karl Bonhoeffer und ich. Von der anderen Seite Heiner Geißler und der damalige Präsident der Bundesärztekammer Karsten Vilmar. Heiner Geißler warf uns vor, den westlichen Politikern in den Rücken zu fallen und mit Moskau zu paktieren. Er nannte uns die ‚Fünfte Kolonne Moskaus‘. Bundesärztepräsident Vilmar wiederum warf uns vor, in der Bevölkerung Ängste schüren zu wollen, um sie politisch zu missbrauchen.
Im Laufe der Veranstaltung warf ein Zuschauer einen roten Farbbeutel auf Heiner Geißler, der ihn im Gesicht traf. Wir mussten ihn dann notfallmäßig in meiner Praxis versorgen. Nach der Veranstaltung sind wir alle gemeinsam essen gegangen und Horst-Eberhard Richter und Heiner Geißler haben sich friedlich und ausgiebig über ihr gemeinsames Hobby Bergsteigen unterhalten.“
Dokumente und Beiträge zum 20. Jahrestag der Verleihung des Friedensnobelpreises an die IPPNW:
Aus dem Rundbrief "Ärzte warnen vor dem Atomkrieg" Nr. 16, Januar 1986:
- „Menschen aller Länder, die ihr überleben wollt, vereinigt euch!“ Rede des Vorsitzenden des Norwegischen Nobelkomitees, Egil Aarvik, anlässlich des Friedensnobelpreises 1985 am 10. Dezember in Oslo.
- Offener Brief der 25 Mitglieder der Akademie der medizinischen Wissenschaften der UdSSR darunter Prof. Dr. Tschasow (Iswestija, 2.9.1973)
- „Wir Deutschen haben keinen Grund uns als erste moralisch zu entrüsten!“ Rede von Prof. Dr. Ulrich Gottstein, Frankfurt/Main, beim Empfang des Osloer Bürgermeisters am 9. Dezember 1985, anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises 1985
- IPPNW und SPD: Mitteilungen an die Presse
- „Zielscheibe der Kritik: Jewgeni Tschasow“ aus der Basler Zeitung vom 11. Dezember 1985
- „Sacharow und die IPPNW“, Prof. Dr. med. Roland Scholz
- „Es geht nicht um Sacharow“, aus der Basler Zeitung, 11. Dezember 1985
- „IPPNW im Deutschen Bundestag“, aus dem Protokoll der 179. Sitzung am 29. November 1985
Weitere Quellen:
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